Errinerungen…

Am 31. Mai hatte mein Opa Geburtstag. An diesem Tag errinere ich mich besonders an ihn… und daran wie er den Freitod gewählt hat. Ich war damals 12 Jahre und habe ihn abends gegen 21 Uhr in unserem Garten gefunden. Er hat sich mit einem Strick an einer Tanne erhängt.

Damals wohnten wir in einem kleinen Dorf und mein Opa ist kreuz und quer, überallhin immer mit seinem geliebten Fahrrad gefahren. Zu unserem 2km entfernten Garten, zum Lädle, zum Blumenhändler etc… Natürlich kam es öfters zu kleinen Unfällen, auch mit Autos. Meine Oma hat es immer wieder geschafft die Unfallnehmer zu überzeugen NICHT die Polizei zu rufen. Denn dann hätte mein Opa [zu Recht?] eine Geldstrafe und mehr bekommen. Wie sie dass immer geschafft hat ist mir ein Rätsel. Aber die Beiden haben immer zueinander gehalten. Dafür bewundere ich Sie.

Natürlich wusste das ganze Dorf bescheid. Es wurde immer hinter der Hand über ihn getuschelt. Aber er hat sich bei so vielen Menschen eingesetzt und geholfen das sie ihn trotzdem Respektierten. Egal ob jemand Hilfe brauchte er war ohne zu zögern da. Er war sehr hilfsbereit.

Ich will nicht sagen dass wir die beste Beziehung zueinander hatten. Das Problem war er war Alkoholiker. Einer von der schlimmen Sorte. Er hat bis zum Schluss NIE zugegeben bzw. eingesehen dass er ein Alkoholproblem hat. Seine Flaschen hat er überall versteckt. Im Keller, zwischen Kartons, unter dem Bett, im Kleiderschrank einfach überall. Meine Oma hat immer mit ihm zu kämpfen gehabt und meine Tanten und Onkels haben versucht ihm zu helfen. Eine Schwester die seit 20 Jahren überzeugte [!] Raucherin ist, wollte meinem Opa zuliebe aufhören aber nur wenn er einen Entzug durchsteht. Aber nach eigener Aussage, hat er ja kein Alkohol Problem.  Er war nie aggressiv, oder hat jemanden verletzt. Aber wenn er betrunken war hat er oft wirres Zeug geredet und viele Dinge vergessen.

Bis heute kann ich mich errinern, dass mein Opi mein Fahrrad immer geflickt hat. Denn als Kind bin ich über Stock und Stein gefahren. Kein Hügel, Buckel oder Waldstraße war mir zu schade, ich musste mit meinem Raddel durch. Da kam es oft vor das mein Fahrrad kaputt war, genauso wie meine Knien immer wund gescheuert waren. Nie hat er sich darüber beklagt wenn er manchmal jeden Tag mein Fahrrad reparieren musste. Er hat es sogar gerne gemacht.

Zwei Tage vor seinem Tod war ich bei Oma und Opa zu Besuch. Mein Opa war wie immer betrunken. Meine Oma hat an ihren Socken gestrickt und ihn ignoriert. Wir haben zusammen Abend gegessen. Den ganzen Abend über sagte mein Opa immer wieder zu mir: “Authenticgirl du passt doch auf Oma auf, ja?” “Du musst mir versprechen Oma oft besuchen zu kommen.” Natürlich antwortete ich jedes Mal mit Ja. Es kam mir damals zwar komisch vor, dass er mich immer wieder darum bat. Aber nie hätte ich gedacht dass er sich das Leben nimmt.  Vergessen werde ich das nie.

Wir vermuten, er konnte mit den Errinerungen an den zweiten Weltkrieg nicht mehr leben. Als Kind hat er seine Schwester und sein Bruder durch eine Bombe verloren. Das Haus war zerstört, die vielen Leichen die er mit ansehen musste etc… Also fing er an, als er in Rente war, mit dem Trinken an. Na klar, was macht mit soviel Zeit? Man denkt nach. So begann alles…

Manchmal mache ich mir Vorwürfe warum ich damals nicht reagiert habe. Die Schuldgefühle plagen mich weil ich sein Versprechen nicht immer einhalten kann. Wird es jemals besser?

Es tut mir leid Opa. Ich hab dich lieb.

4 thoughts on “Errinerungen…

  1. Ich hoffe du kannst all die schönen Erlebnisse mit deinem Opa in guter Erinnerung halten. Es tut mir leid, dass dich Schuldgefühle plagen, denn ich bin fest davon überzeugt dass du dir keine Vorwürfe zu machen hast, du warst schliesslich noch so jung. Jeder hat sein Leben und seine Lasten zu tragen, und jeder trifft eben auch seine Entscheidungen.
    alles liebe

  2. Es ist schwer, sehr schwer solch einen starken Menschen zu verlieren. Viele sind der Ansicht es wäre leicht, sich so einfach aus dem Leben zu schleichen. Nur verdammt es ist nicht so.

    Und dann nicht mal aus einer Laune raus, sondern mit Vorsatz, ich weiß ich gehe und bitte noch die Enkel Tochter nach der Omi zu schauen, wie stark ist das eigentlich.

  3. Ich komme aus der Generation 66 geboren. Leider haben meine älteren Angehörigen nur selten oder gar nicht über den grausamen Krieg gesprochen, sie wären darüber verzweifelt. Niemand mit Verstand möchte einen geliebten Menschen sehen, wie er weint und sich seine Ohren zu hält um das Einschlagen der Bomben irgendwie zu ertragen. Mütter mit ihren Kindern versuchten in die Schutzbunker zu kommen.

    Manchmal denke ich auch, ich hätte Depressionen. Und dann stehe ich auf und sehe dem Tag gelassen entgegen. Sicherlich gibt es keine Gesamtlösung und ich bin kein Prophet…nur ich bin leibhaftig mit den Depressionen meines Vaters aufgewachsen, habe alle seine Versuche über Tabletten, Psychotherapien und Entzug von Alkohol kennen gelernt.

    Die letzten Jahre war ich viel mit ihm spazieren, wir unterhielten uns richtig toll, nur das ich sein geistiges Level nie erreichte

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